Sieben Hügel. Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts

Zentrale Ausstellung der Stadt Berlin zum Millennium 2000
Organisiert von der Berliner Festspiele GmbH
Martin-Gropius-Bau Berlin, 14. Mai 2000 - 29. Oktober 2000


Die Abteilung "Dschungel"


Die Biowissenschaften schicken sich an, Leitwissenschaften des neuen Jahrhunderts zu werden. Die Gentechnologie verheißt eine Evolution im Eiltempo. Viele Tier- und Pflanzenarten indes werden eine Zukunft nur noch tiefgekühlt in Samenbanken oder archiviert in den Naturkundemuseen finden. Das Wunder der Vielfalt, digitalisiert und gespeichert in einer Art virtueller "Arche Noah"? Schon heute werden bedrohte Arten umsorgt von "Gen-Pool-Managern". Und Pharmakonzerne suchen eilig nach den medizinischen Ressourcen der Regenwälder, dem "grünen Gold". Gibt es überhaupt noch eine "Natur", die sich von der "Kultur" abgrenzen lässt? Ist nicht längst der letzte Winkel des Planeten beeinflusst durch menschliches Wirken? Die "unberührten Paradiese": Werden sie nur noch als ästhetische Fiktion weiterleben? Die Ausstellung zeigt in Zusammenarbeit mit namhaften Wissenschaftlern und Künstlern Perspektiven für die Natur von morgen auf.


Rundgang
In sechs Räumen breitet sich ein artifizieller Dschungel aus:


Schreie und Flüstern
(Raum 2)

Die Vielfalt der Arten und Formen im Tier- und Pflanzenreich scheint unermesslich. Weltweit arbeiten Forscher an einer Bestandsaufnahme der Biodiversität. Ziel ist die Erfassung aller Arten der Erde, von denen erst ein Bruchteil bekannt sind. Betrachtet der Mensch die Natur und versucht er sie abzubilden, bleibt es allerdings stets bei Ausschnitten aus der ungeheuren Komplexität des Lebens. Dabei sind die Sichtweisen auf die Natur und deren künstlerische Umsetzung ebenso facettenreich wie die Natur selbst. Diese wissenschaftlichen und künstlerischen Versuche, die Vielfalt des Lebens zu erfassen, trugen gleichermaßen zur Natur- und Kunstgeschichte bei. Ob als Quell medizinischen Fortschritts oder als Ursprung ästhetischen Empfindens – Natur wird aus wirtschaftlicher Sicht inzwischen genauso geschätzt wie um ihrer selbst Willen. Während Naturschützer den Wert des Lebens an sich an erste Stelle setzen, betrachten viele Pharmafirmen die Regenwälder als genetische und ökonomische Ressource, die es zu erschließen gilt.

Gen's Thierleben (Raum 3)

Die Illustration des Lebendigen war in vergangenen Epochen rein beschreibend und statisch. Das schien zunächst zu genügen, um die Natur überhaupt in ihrer Fülle erfassen zu können. Die breite Palette der Lebewesen beschäftigte denn auch zahlreiche Zeichner, die den privaten und wissenschaftlichen Sammeleifer zu befriedigen suchten. Schließlich ließen sich viele der exotischen Geschöpfe nicht unbegrenzt aufbewahren, sollten aber dennoch möglichst exakt dokumentiert werden.
Diesem ursprünglichen Ansatz stehen heute Techniken gegenüber, die tief in die Innenwelt der Lebewesen schauen. Sie erfassen mikroskopische Details ebenso wie die zeitliche Dynamik der Lebensabläufe. Gen- und Biotechnologie schicken sich an, das Leben selbst zu formen und zu manipulieren. Haben einst Künstler für die Wissenschaft der Biologie gewirkt, sind es heute oft Forschungsergebnisse, die auf die Kunst zurückwirken. So bildet zum Beispiel simulierte Evolution die Basis für künstliches Leben in der Medienkunst. Eine neue Allianz von Kunst und Wissenschaft kommt hier zum Vorschein: das Werk ist nicht mehr statische Größe, sondern unterliegt – wie das Leben selbst – stetem Wandel.

Wal-Verwandtschaften (Raum 4)

Wieviel Mensch steckt im Tier und wieviel Tier ist der Mensch? Die – mitunter sehr dünne – Trennlinie zwischen Mensch und Tier ist kaum eindeutig zu definieren. Macht die Frage danach überhaupt noch Sinn im Lichte der modernen Verhaltensforschung? War die Suche nach der Existenz der "Tierseele" bei den Philosophen des 18. Jahrhunderts noch umstritten, wurde sie im 19. Jahrhundert in der zoologischen Literatur zu einer Selbstverständlichkeit. Heute scheint das wissenschaftliche Bestreben, die Ähnlichkeit zwischen Tier und Mensch hervorzuheben, stärker denn je. Fähigkeiten wie der Gebrauch von Werkzeugen, komplexes Lernen und einfache Sprache sind längst bei Tieren nachgewiesen. Delphine beispielsweise zeigen differenzierte Lautäußerungen und leben in komplexen Sozialstrukturen. Schimpansen sind fähig, per Zeichensprache mit Menschen zu kommunizieren. Und auf der genetischen Ebene stehen uns selbst die meist wenig geliebten Insekten näher als gemeinhin angenommen. Werden Biologen in Zukunft die speziellen Gene finden, die uns zu Menschen machen? Und welche Folgen hat dies für das menschliche Selbstverständnis?

Die Augen der Göttin (Raum 5)

Die indische Göttin Kali vereint in sich die gegensätzlichen Aspekte des Werdens, Bewahrens und Zerstörens. In ihrer Widersprüchlichkeit steht sie hier als Metapher für das Verhältnis des Menschen zur Natur. Der Name Kali leitet sich ab von "Kala" – der Zeit, die alles hervorbringt und alles verschlingt. Nach der Überlieferung wurde die Göttin im Kampf gegen Dämonen zum Leben erweckt. Sie ist im Besitz unkontrollierbarer Kräfte und benimmt sich in jeder Hinsicht extrem. Einerseits wird die Schwarze Göttin zur Retterin des Kosmos erhöht und die Götter rufen ihre Hilfe an. Andererseits beginnt sie, einmal vom Rausch der Zerstörung ergriffen, die ganze Welt zu vernichten. Erst der Gott Shiva kann sie in Gestalt eines Säuglings – als Sinnbild für den Neubeginn – stoppen. Die große Mutter, Symbol der grauenerregenden Aspekte der Natur, sichert Verehrern ihren Schutz zu. Sie ist somit zugleich anziehend wie abstoßend. Kali steht dabei – wie die Natur – über der menschlichen Moral. Historische Darstellungen in Form von Skulpturen, Gemälden und Miniaturen illustrieren die unterschiedlichen Facetten der schrecklich-schönen Göttin.
http://www.fabricat.com/kali_next.html

Cats and Chats – Tiger im Netz (Raum 6)

Der Tiger steht hier für die vom Aussterben bedrohten Tierarten – Sinnbild der gefährdeten Natur. Drei der acht Tigerunterarten sind bereits ausgestorben, von den übrigen fünf leben nur noch wenige hundert Tiere – zumindest in freier Wildbahn. Denn obwohl der Tiger das nächste Jahrhundert in der Wildnis möglicherweise nicht überleben wird, melden Zoos weltweit Zuchterfolge. Damit verlagert sich auch das Aufgabenfeld der Zoos: sie stehen heute nicht nur für die Art-Haltung zum Zwecke der Präsentation, sondern auch für die Art-Erhaltung. Eine High-Tech-Medizin sorgt für gezielte Nachzucht mittels Samenbanken und künstlicher Befruchtung. Das vom Zoo Leipzig geführte Weltzuchtbuch der Tiger dient als Grundlage des globalen Genpool-Managements. Dagegen zeichnen Bilder aus der Kolonialzeit, historische Gemälde und Tierpräparate ein Bild der Faszination, von uneingeschränkter Kraft, Wildnis und Exotik. Und Körperbestandteile des Tigers sind auf Schwarzmärkten hoch gehandelte Konsumprodukte. Der Glaube, sich Kraft durch den Verzehr von Tigerteilen aneignen zu können, ist in einigen Ländern noch heute ungebrochen.

Natur in der Schublade (Raum 7)

Wissenschaftliche Sammlungen von Naturalien haben ihren Ursprung in Europas Kunst- und Wunderkammern des 16. Jahrhunderts. Hier wurden Kunstwerke neben Naturzeugnissen und allerlei Kuriositäten präsentiert. Eine erste allgemeingültige Systematik für das Tier- und Pflanzenreich schuf Carl von Linn 1735 mit seinem Systema Naturae. Damit war der Grundstein für den neuen Typus des Naturkundemuseums gelegt. Es gab nun eine Grammatik, mit der sich alle Lebensformen in eine allgemein verständliche Sprache bringen ließen. Biologische Sammlungen funktionieren noch heute nach dem gleichen Prinzip. Wichtigste Grundlage bildet das Belegexemplar einer Art, der Typus. Wie eine Art Urmeter dient dieser Forschern in aller Welt als Referenz. Erst dadurch existiert eine Art wissenschaftlich gesehen.
In Zukunft werden zunehmend Genbanken mit Samen- und Keimzellen von Pflanzen und Tieren angelegt werden – sozusagen als genetisches Back-up. Und so genannte genomische Banken lagern das isolierte Erbmaterial in Tiefkühltruhen ein, in Form von Millionen kleinster Gen-Schnipsel. Wird sich hier eine Art virtueller Arche Noah entwickeln, in der die Vielfalt des Lebens aufbewahrt wird?

 

 

Schreie und Flüstern
Der Chorus des Urwalds führt von einem irdischen Paradies über den biologischen Mikrokosmos zum Dschungel als Apotheke der Welt. Die Vielfalt des Lebens, gesehen durch die Augen von Kunst und Wissenschaft.

Gen's Thierleben
Die Computer-Installation „PICO_SCAN“ macht künstliches Leben möglich: Evolution im Eiltempo. Derweil spiegeln sich vergangene Naturbilder in den Plasmabildschirmen.

Wal-Verwandtschaften
Gesprächige Delphine, fotogene Hunde und kreative Affen warten auf Gesellschaft. Wieviel Mensch steckt im Tier und wieviel Tier ist im Menschen?

Die Augen der Göttin
Die Medien-Installation „Kali-Interactive“ will berührt werden: die hinduistische Göttin Kali führt in virtuelle Welten und macht eigene Naturvisionen sinnlich erfahrbar. Umrahmt von historischen Skulpturen steht sie für den Kreislauf des Lebens.

Cats & Chats - Tiger im Netz
Modernste High Tech-Medizin dient nüchtern der Tigerzucht. Ein alltäglicher Einblick in das Leben dieser charismatischen Großkatzen wird gezeigt. Was bleibt übrig vom Tiger, neben Trophäen und Dekor?

Natur in der Schublade
Die Vielfalt des Lebens - aufbewahrt und archiviert in Schubladen, Gläsern und Regalen. Die Zeugen vergangener Erdzeitalter warten auf eine ungewisse Zukunft. Und in einer „virtuellen Arche Noah“ lagern tausende eingefrorene Gene.